Definitionsmacht, Schalalalalaa? – Kommentare zum Umgang mit Kritik(er_innen)

Als „Definitionsmachtgegner_in“ in Sinne des Textes „when my anger starts to cry…, möchte ich an dieser Stelle einfach ein paar Auszüge dieses Textes diskutieren. In diesen Textteilen wird aus Perspektive der Definitionsmachtbefürworter_innen auf einige Gegenargumente eingegangen. Es lohnt sich den ganzen Text zu lesen, um sich mit der Argumentationsweise vertraut zu machen. Die praktischen Konsequenzen aus dieser „Logik“ erschließen sich allerdings wohl oft erst, wenn mensch diese in der gesamten Absurdität miterleben durfte.

„Die Frage der Macht und von wem diese eigentlich missbraucht wird…

Eines der beliebtesten Argumente gegen die Definitionsmacht ist der Verweis auf die Möglichkeit des Machtmißbrauches durch Betroffene, wenn ihnen die Definitionsmacht zugesprochen wird. Der an dieser Stelle allerorten befürchtete Machtmissbrauch allerdings, dies soll hier eingangs festgestellt sein, steht in keinem Verhältnis zu dem Machtmißbrauch der durch das Verhalten der Täter vollzogen wird; welcher – und das zeigen sogar ‚offiziellen’ Zahlen des Bundesfamilienministeriums (BMF)5 – in tausenden von Fällen und täglich stattfindet.
[…] Die Anzahl einiger weniger Frauen, die die Möglichkeiten des Definitionsrechts zur Denunzierung und Diskreditierung nichtschuldiger Männer verwenden, ist im Verhältnis zu den niemals geäußert Vergewaltigungsfällen verschwindend gering, so unangenehm dies im Einzelfall auch sein möge.“

Unbestritten sei hier, dass die alltägliche Ausübung von Gewalt, sexueller Missbrauch oder Vergewaltigung zumeist von Männern (hauptsächlich gegen Frauen) ausgeht. Unbestritten ist auch, dass jede Tat eine Tat zuviel ist, dass das Leid der Opfer viel länger währt als die Tat, kurzum: die aktuellen Verhältnisse fordern einen entschlossenen, engagierten Umgang mit diesem Scheiß.

Nun scheint es, dass sich eine Praxis und eine Theorie entwickelt hat, die sich diesen Verhältnissen zwar entschlossen entgegenstellt (zumindest innerhalb der Linken), aber die dabei einige wichtige menschliche und politische Aspekte aus dem Auge verloren hat. Ein Indiz dafür scheint mir u.a. die bereitwillige Inkaufnahme von sog. Einzelfällen (Kollateralschäden?).
Die Situation in der sich ein Mann befindet, der innerhalb „der linken Szene“ zu Unrecht als Vergewaltiger oder als Täter sexualisierter Gewalt geoutet wird, darf nicht in einem relativierenden Nebensatz abgehandelt werden. Gerade weil ein Täter und sein Umfeld fast keine Möglichkeit haben, sich in solch einer Situation zu erklären oder zu äußern.
Ein solches Unrecht (zumal gegenüber anderen Linken) als unvermeidbaren Teil der eigenen politischen Praxis festzustellen, kann eigentlich keine andere Konsequenz haben, als dieses Vorgehen zu verwerfen.

„…Das Schicksal einiger Männer zu problematisieren, während die Betroffenen weiterhin zum Verstummen gebracht und ignoriert werden, entspricht genau den Frauen verachtenden Vorstellungen weiblicher Minderwertigkeit.“

Pauschale Zuschreibungen dieser Art in Richtung Definitionsmachtgegner_innen kreieren zusammen mit anderen rhetorischen Mitteln eine Atmosphäre, in der mensch hauptsächlich damit beschäftigt ist sich zu rechtfertigen a la: Nein ich bin kein geouteter Täter, Nein, ich bin kein Mann, Nein, ich bin auch nicht die Mutter/Freundin… eines Täters, Ja, ich finde das Patriarchat auch Scheiße und Nein, ich halte Frauen nicht für minderwertig…
Ich möchte damit nicht sagen, dass die Erfahrungen und Meinungen einiger dieser Personen nicht auch wichtig sind um „Perspektiven jenseits des Täterschutzes“ zu entwickeln.

Dieser Rechtfertigungsdruck ist gewollt und trägt, neben der Schwierigkeit des Themas, maßgeblich zu einer Sprachlosigkeit innerhalb der Linken bei.

Also: Ja, ich möchte den Umgang einiger Definitionsmachtbefürworter_innen mit dem „Schicksal einiger Männern“ problematisieren.
Ich möchte sogar noch mehr: Nämlich die damit verbundene Praxis problematisieren, weil sie:
1) den Anspruch vertritt Menschen im Umfeld der involvierten Personen zu belehren, ihnen ein bestimmtes Verhalten vorschreibt, eigenes Denk- und Handlungsvermögen abspricht und verlangt die Definitionsmacht als Dogma anzuerkennen.

2) hierarchisch und autoritär ist und das in einer Szene, die sich wünscht undogmatisch und antiautoritär zu sein.

3) den betroffenen Menschen über den Moment der Solidarisierung und des anfänglichen Machtgefühls hinaus nicht dienlich ist.

Zu behaupten, dass jemand, wenn er/sie den Umgang mit einigen Männern problematisiert, gleichzeitig die Betroffenen verstummen lassen will, ist nicht nur total bescheuert, sondern auch eine infame Diskreditierung, die Kritik verhindern soll. Nebenbei erspart mensch sich eine schwierige, weil differenzierte Auseinandersetzung.

„…Hinter dem Ruf nach Objektivität verschanzen sich die Täter!

Über die Festschreibung des ‚Opferstatus’ der von sexueller Gewalt betroffenen Menschen wird von den Gegner_innen der Definitionsmacht ein zweiter Anwurf gegen diese ins Feld geführt: Die Betroffenen, so wird argumentiert, seinen durch die Unmittelbarkeit der Ereignisse, die Wirrnisse der Situation u.ä. nicht in der Lage, ‚rationale Entscheidungen’ zu treffen oder gar die Situation ‚objektiv’ zu beurteilen. Scheinbare Empathie mit von sexueller Gewalt betroffenen Menschen wird an dieser Stelle argumentativ gegen diese gewendet; die Betroffenen selber sollen nicht entscheiden können, wie mit den Tätern umgegangen werden soll, die Betroffenen sollen angeblich gar nicht in der Lage und Verfassung sein, ihre Bedürfnisse und Vorstellungen über Konsequenzen zu artikulieren. Die Subjektivität Einzelner, gerade wenn diese Betroffene sind (sie könnten sich ja von sog. ‚Rachegelüsten’ leiten lassen…), ist den Gegner_innen der Definitionsmacht eine dunkle Remineszenz an Lynchjustiz und terroristische Gewaltherrschaft, Willkür tritt hier vorgeblich an die Stelle eines „vernünftigen“ Umganges mit der Situation. An die Situation und die Beurteilung der Vorgänge sollen stattdessen ‚objektive Kriterien’ angelegt werden, entlang welcher allgemeingültig ein Umgang mit der Situation der Betroffenen und der Umgang mit den Tätern praktiziert werden soll.“

Wer will behaupten, dass es so etwas wie die Objektivität oder die Wahrheit gibt?
Diese DefinitionsmachtgegnerInnen-Positionen sind in diesem Text ziemlich ausgewählt, denn dass hier vor allem Wertmüller zitiert wird, spricht ja schon für sich. Oder will hier jemand behaupten, die BAHAMAS stände stellvertretend für einen relevanten Teil der Linken?
In etlichen Debatten mit sehr unterschiedlichen Personen aus der Linken hat außerdem meines Wissens nach niemand behauptet, dass es eine Objektivität gäbe, die es zu beurteilen gilt. Auch in den einschlägigen Texten finden sich solche Bezüge so gut wie nie.
Wer kennt nicht aus eigener Erfahrung oder aus seinem Umfeld Fälle von sexuellen Übergriffen? Ich persönlich kenne so viele, dass ich kotzen könnte. Ich habe auch mit vielen dieser Menschen (vornehmlich Frauen) diese Erlebnisse besprochen, beweint und beflucht, aber ich kenne keine Person unter ihnen, die ernsthaft das Bedürfnis verspürt hätte, festzulegen wie mit den Täter_innen verfahren werden sollte. Zugegebenerweise vielleicht auch weil in diesem Moment diese Möglichkeit nicht bestand. Auch ich hatte Wut, Gewaltphantasien und Kastrationsgelüste, aber ich war immer froh, dass ich mich all diesen Gefühlen hingeben konnte, ohne diese in der Realität umgesetzt zu sehen. Und alle von mir erlebte Auseinandersetzung verliefen in unterschiedlichen Phasen: Wut, Hass aber auch der Wunsch verstehen zu wollen, was diese Täter-Person erlebt hat, um eine so verletzende Tat zu begehen. Solche Fragen tauchen auf, weil die Täter_innen und Opfer sich zumeist in einem komplizierten Verhältnis zueinander befinden, in dem die Übergriffe oder die Vergewaltigung ein schrecklicher, aber nicht der einzige Berührungspunkt war/ist. Noch mal ganz deutlich: Ich befürworte es nicht, dass Menschen noch dem Erlebten auch noch Verständnis für ihre Peiniger aufbringen, aber die Aufarbeitung macht meiner Erfahrung nach (über die Jahre) viele verschiedene Phasen durch.

Nachdem was mir vom antisexistischen Handeln, legitimiert durch die Definitionsmacht, bekannt ist, habe ich heute nicht mehr das Gefühl mich an eine „Linke“ wenden zu können, wenn ich von einem Menschen sexuell verletzt werde. Womit ich nicht alleine bin, mittlerweile haben einige „linke“ Menschen geäußert, dass gerade die momentane Art des Umgangs es ihnen verunmöglichst blödes Anmachverhalten, Grabschen… zu thematisieren, aus Angst die daraus resultierenden Konsequenzen nicht mittragen zu wollen – wem soll das dienen?
MIR NICHT!

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14 Antworten auf “Definitionsmacht, Schalalalalaa? – Kommentare zum Umgang mit Kritik(er_innen)”


  1. 1 laylah 24. Juli 2007 um 15:28 Uhr

    deinem text zuzustimmen, fällt im ersten moment leicht, da du im wesentlichen nur kritik übst und keinen vorschlag für einen alternativen umgang machst. ich meine, dass diese kritik teilweise durchaus berechtigt ist – auf besagten text bezogen. die position, welche der text vertritt, lässt sich jedoch auch differenzierter und dadurch legitimierter formulieren. und zum letzten absatz: auch ich habe vom gedanken abstand genommen, mich im ernstfall an die „linke“ zu wenden, jedoch aus konträren beweggründen: mich störte immer die mangelnde konsequenz im umgang, die ganze beweislast-scheisse.

  2. 2 megr 26. Juli 2007 um 18:35 Uhr

    @laylah
    ich fände es spannend, wenn du mir texte empfehlen könntest, die differenzierter bzw. überzeugender sind.
    Und könntest du vielleicht sagen wo (Stadt, Land Fluß, Szene, Kiez)du dich wegen den bewislast-scheiss nicht an eine „linke“ wenden würdest.
    Ich hege ja die vermutung und hoffnung, dass sich die auseinandersetzung mit dieser thematik von ort zu ort unterscheidet.
    Zu Alternativen: ich bin hier eher bei einer art textkritik geblieben, hoffe aber schon hier im blog alternativen anzureissen, durch die diskussion und die auseinandersetzung mit texten die alternative umgangsformen vorschlagen etc…
    Aber ich gebe auch zu, dass ich kein Alternativprogramm habe, dass allen Ansprüchen gerecht wird. Aber ich hoffe mich dem zunähern!
    Also für texttips wär ich dankbar!

  3. 3 Name Notwendig 27. Juli 2007 um 23:24 Uhr

    Admin: Hier stand mal ein idiotisches Anti-feministisches Gedicht, das wollten wir hier nicht…

  4. 4 vergessen 29. Juli 2007 um 17:04 Uhr

    @gedichteschreiber: sarg dich ein. son scheiß bringt niemandem was…
    an die admins: bitte löschen

    @megr
    ich glaube nicht, dass es so große regionale unterschiede gibt. eher die ausrichtung der gruppen, die in die diskussionen eingreifen ähnelt sich manchmal (und wird ja auch übernommen) oder unterscheidet sich.

    grundsätzlich denke ich – da ist der verlinkte englische text über „community support in cases of intimate violence“ sehr gut und gehört zum besten was ich in der richtung kenne – dass sich „gute“ und „schlechte“ Auseinandersetzungen von der Einfühlsamkeit, Reflexionsbereitschaft und Transparenz der beteiligten menschen abhängen.

  5. 5 Lenni 25. August 2007 um 5:25 Uhr

    „Die Situation in der sich ein Mann befindet, der innerhalb „der linken Szene“ zu Unrecht als Vergewaltiger oder als Täter sexualisierter Gewalt geoutet wird, darf nicht in einem relativierenden Nebensatz abgehandelt werden. Gerade weil ein Täter und sein Umfeld fast keine Möglichkeit haben, sich in solch einer Situation zu erklären oder zu äußern.
    Ein solches Unrecht (zumal gegenüber anderen Linken) als unvermeidbaren Teil der eigenen politischen Praxis festzustellen, kann eigentlich keine andere Konsequenz haben, als dieses Vorgehen zu verwerfen.“

    Ich habe das Gefühl, hier ist „when my anger starts to cry“ missverstanden worden. Grundsätzlich geht es den Definitionsmächtlern doch darum, dem Modell des Rechtsstaats ein eigenes gegenüberzustellen, welches den Bedürfnissen der Opfer gerechter wird. Die Hauptkritik an der Methode der Justiz liegt nun gerade darin, dass der Anteil an „Kollateralschäden“ – auf Seiten der Opfer – unerträglich hoch ist. Durch die Umkehrung der Unschuldsvermutung wird versucht diesem Problem zu begegnen. Die „Kollateralschäden“ treten nun auf Seiten der mutmaßlichen Täter auf, allerdings in sehr viel geringerem Maße. Dass diese Lösung nicht optimal ist, wird auch den Erfindern klar sein, aber solange keine bessere gefunden wurde, finde ich es durchaus legitim 1000 „ungesühnte“ Übergriffe im System des Rechtsstaats 10 von der Szene falsch verurteilten gegenüberzustellen. (Die Zahlen sind natürlich fiktiv, aber ich schätze Verhältnis kommt grob hin.)
    Von einer bereitwilligen Unkaufnahme kann also nicht gesprochen werden, eher im Gegenteil.

    „Zu behaupten, dass jemand, wenn er/sie den Umgang mit einigen Männern problematisiert, gleichzeitig die Betroffenen verstummen lassen will, ist nicht nur total bescheuert, sondern auch eine infame Diskreditierung, die Kritik verhindern soll.“

    Auch an dieser Stelle kommt bei mir eine andere Message an. Es wird meiner Ansicht nach nicht behauptet, dass Kritiker die Frauen verstummen lassen wollen, sondern vielmehr wird darauf hingewiesen, dass eine Aufwertung der Problematik unschuldiger Täter, zwingend ein Verstummen vieler betroffener Opfer mit sich brächte, ob man es wolle oder nicht. Wer die „Kolateralschäden“ auf der einen Seite zu vermindern versuche, erhöhe sie damit unweigerlich auf der anderen Seite.

    „ …denn dass hier vor allem Wertmüller zitiert wird, spricht ja schon für sich.“

    Unnötige Polemik. Dachte Zweck dieses Blogs sei eine (sicherlich notwendige) inhaltliche Auseinandersetzung.

    Zum vielgelobten “community support in cases of intimate violence”. Ich schließe mich dem Lob gerne an, möchte aber darauf hinweisen, dass dieser Text die Problematik um das Für und Wider der Definitionsmacht komplett ausblendet und in sofern an diesem Punkt wenig hilfreich ist.

  6. 6 megr 26. August 2007 um 14:43 Uhr

    Lenni:
    „Unnötige Polemik. Dachte Zweck dieses Blogs sei eine (sicherlich notwendige) inhaltliche Auseinandersetzung.“

    Ja, da hast du recht. War nicht beabsichtigt und nicht nötig, sorry.

    Ich denke aber nicht, dass ich den Text missverstanden habe, natürlich ist es nötig eine Alternative zum Umgang der Justiz mit Betroffenen zu entwickeln, aber doch nicht indem ein Umgang entwickelt wird, der so dogmatisch und problematisch ist. Wenn es um dies Thema in der „Linken“ geht scheinen mir oft alle erarbeiteten Umgangsformen (andere Positionen anzuhören, Widersprüche in der Auseinandersetzung, Überzeugen zu wollen…) auf einmal indiskutabel. In so einer Atmosphäre ist ein angstfreier,offener und reflektierter Umgang (mir) nicht möglich.
    Es sollte doch möglich sein Menschen zum Beispiel Anonymisierungs- oder Schutzraumpraktiken zu erklären und sie von der Notwendigkeit zu überzeugen, ohne das Damoklesschwert der Täterunterstützung im Falle von Widerspruch zu zücken. Ich hab es schon erlebt, das Männer diese nicht kannten und etwas kritisch nachgefragt haben, die wurden angeguckt, als hätten sie einen Singvogel verschluckt. Der hier besprochene Text ist mir einfach zu voll mit implizierten Vorwürfen und Unterstellungen und es geht um Menschen und nicht um Statistiken. Vielleicht lese ich den Text auch anders als Du, weil ich die Umsetzung dieser Theorie bisher so schlecht fand, dass eine kritische Auseinandersetzung mit der Theorie dann auch unter anderen Vorzeichen stattfindet.
    Wenn dein Sohn, Freund, Geliebter, platonischer Seelenverwandter oder du eine Person, der du vertraust (weil diese einen reflektierten Umgang zu sexistischen Verhalten hat) eine dieser -ups passiert- Einzelfälle ist und du dich als Täterunterstützerin wiederfindest, weil du der Person vertraust, was dann?
    Vielleicht ist der Text“ intimate violence“ ja gerade so sympathisch, weil er die Definitionsmacht nicht braucht…

  7. 7 Lenni 27. August 2007 um 18:08 Uhr

    Gebe zu, meine persönlichen Erfahrungen mit dem Thema gehen gegen Null. Einerseits lehne ich mich dadurch natürlich ziemlich weit aus dem Fenster, wenn ich hier überhaupt Stellung beziehe, andererseits hilft mir dieser Umstand vielleicht auch, die Sache ein wenig distanzierter zu betrachten.
    Es mag ja sein, dass von Seiten von GAP & Co bisweilen ziemlich unsauber argumentiert wird und Kritik daran ist sicher angebracht, trotzdem sollte man doch aufpassen, dass es nicht persönlich wird, denn dann kann man eine sachliche Diskussion wirklich vergessen. Dass die GAP-Kritiker in diesem Punkt noch mindestens genauso viel zu lernen haben, wird in den Kommentaren zu „Zur wundersamen Welt von GAP I.“ ziemlich deutlich. Meiner Ansicht noch sollte dieser Schrott gelöscht werden.

    Wenn behauptet wird, dass der „intimate violence“-Text keine Definitionsmacht braucht, bin ich anderer Meinung, denn das Problem wird schlicht und ergreifend nicht in dieser Form behandelt.
    Unter dem Abschnitt „How to deal with reluctant jerks“ wird zwar deutlich, was mit Tätern geschehen soll, die ihre Taten abstreiten (das Vorgehen unterscheidet sich hier nicht so wesentlich von den von GAP propagierten Methoden), es wird allerdings nicht erläutert, anhand welcher Kriterien denn überhaupt festgestellt werden kann, ob ein Täter wirklich „lügt“ oder nur „seine Version“ darstellt. Und genau für diesen Teilaspekt ist die Definitionsmacht ja erfunden worden.
    Unter „Common fucked up behaviors“ wird außerdem richtig festgestellt, dass die Wirkung bestimmter uneindeutiger Handlungsweisen immer vom Kontext der Situation abhängen. Wer aber im konreten Fall diesen Kontext definiert und damit die Bewertung einer Handlungsweise möglich macht, wird offen gelassen.
    Ein Fall wie z.B. dieser hier macht deutlich, wie schon die unterschiedliche Wahrnehmung ein und desselben Geschehnisse einen Fall unangenehm kompliziert machen kann.
    Insofern bietet der Text für mich eben keine „Lösung“ jenseits der Definitionsmacht an. Angesichts des bisher gelernten bin ich damit allerdings auch einverstanden, mir ist es sympatischer, wenn man versucht die Komplexizität der Probleme anzuerkennen (zur Not auch ihre Unlösbarkeit), anstatt Patentrezepte anzupreisen, die ebensowenig jeder Situation gerecht werden können (generelle Definitionsmacht der betroffenen Person).

  8. 8 feli 28. August 2007 um 2:04 Uhr

    @lenni(zu deinem ersten Kommentar)
    du schreibst:

    „Die „Kollateralschäden“ treten nun auf Seiten der mutmaßlichen Täter auf, allerdings in sehr viel geringerem Maße. Dass diese Lösung nicht optimal ist, wird auch den Erfindern klar sein, aber solange keine bessere gefunden wurde, finde ich es durchaus legitim 1000 „ungesühnte“ Übergriffe im System des Rechtsstaats 10 von der Szene falsch verurteilten gegenüberzustellen. (Die Zahlen sind natürlich fiktiv, aber ich schätze Verhältnis kommt grob hin.)
    Von einer bereitwilligen Unkaufnahme kann also nicht gesprochen werden, eher im Gegenteil.“

    Deine Zahlenspiele in Ehren, aber mir macht das ein bisschen Angst. Ein Verfahren zu legitimieren, indem ihm weniger Kollateralschäden zugesprochen werden als einem anderen leuchtet mir nicht ein. Zumal diese Zahlen noch einen weiteren großen Unterschied aufweisen: Denn anders als das bei dir rüberkommt, ist es mitnichten der gleiche „Kollateralschaden“ (sorry, ich verbinde das Wort immer noch mit der rot-grünen Legitimation des Kosovo-Krieges) eine Tat „ungesühnt“ zu lassen und jemanden zu unrecht Sühnen zu lassen. An dieser Stelle müsste eigentlich noch ein kleiner Exkurs über Sinn und Unsinn von Strafe stehen, aber da fehlt mir leider gerade die nötige Zeit zu.
    Und ich muss dir aber noch an einem anderen Punkt widersprechen: wenn du davon sprichst, dass du das Vorgehen „durchaus legitim“ findest, ist genau das eine „bereitwillige Inkaufnahme“, oder nicht?

  9. 9 Lenni 28. August 2007 um 16:45 Uhr

    Find „Kollateralschaden“ auch ein unschönes Wort, mir fiel nur spontan nichts bessers ein. Sicherlich ist der Schaden auch qualitativ ein anderer, man muss sich entsprechend Überlegen, was „schlimmer“ ist. Eine Vergewaltung ohne Konsequenz oder eine falsche Anschuldigung, die zum „Urteil“ wird. Ich fühle mich ehrlich gesagt nicht dazu im Stande, das zu beurteilen, desshalb habe ich mich gewissermaßen in die Quantität geflüchtet. Über Sinn und Unsinn von Strafe sollte sicherlich auch gesprochen werden, aber vielleicht an anderer Stelle, denn das führt glaube ich eher vom eigentlichen Problem weg. Auch wenn ich missverständlicherweise „ungesühnt“ geschrieben habe, wollte ich eher auf eine Konsequenz im Sinne des Opferschutzes hinaus. Also Ausschluss aus der Gemeinschaft, etc. Im konkreten Falle bedeutet dass zwar auch „Strafe“, aber die dahinterstehende Motivation ist hier für mich entscheidend.

    Je länger ich darüber nachdenke, desto unlösbarer erscheint mir das oben geschilderte Dilemma. Letztlich drängt es sich auf, die „Lösung“ in einem dynamisch und von Fall zu Fall unterschiedlichen Prozess (nicht im Sinne von Gerichtsverhandlung, sondern von Entwicklung) zu suchen anstatt auf starre Patentlösungen zurückzugreifen…

  10. 10 t. 28. August 2007 um 18:17 Uhr

    Ja, das mit den dynamischen Prozess finde ich auch. Das geht aber nicht mit so starren Dogmen, wie mensch darf niemals an einer Darstellung zweifeln etc…
    Ich finde mensch muss ehrlich bleiben können, auch gegen ein politisches Dogma. Kann ja auch heißen, glaub ich nicht, aber ich nehme trotzdem rücksicht, weil ich in der anderen person nicht drinstecke.
    Oder jemand mit dem eine betroffene nicht im selben raum sein möchte wird gebeten darauf rücksicht zu nehmen, es wird nur oft sofort mit täter und druck, zwang, agrosprüchen aufgewartet und ich glaube eine erklärung wäre in vielen fällen viel hilfreicher. Damit meine ich nur bestimmte situationen, dass dies in vielen fällen nicht geht, weiß ich auch. Aber abwägungen und differenzierungen sollten schon noch möglich und auch praxis sein.

  11. 11 loom 24. Juli 2008 um 0:14 Uhr

    Es gibt offensichtlich einen dritten Antisexismus-Reader, für den den auch diesen Freitag eine „release-party“ in der Köpi ist.

    Online bereits veröffentlicht gibt es einen Text
    „Zwischen Anti-Feminismus und Neoliberalismus“ von einer Hamburger AG, der sich in seinen Grundzügen ähnlich verhält wie „when my anger starts to cry“ von der definitionsmacht.tk – Seite, deswegen stelle ich den Kommentar auch hierhin.

    Der rote Faden besteht daraus, alle Kritik an der antisexistischen Praxis als anti-feministisch und reaktionär zu brandmarken. Um dies gewährleisten zu können, werden wieder tatsächliche oder vermeintliche Kritiken ins Felde geführt, die wirklich nicht schwer zu kontern sind. Diese werden dann als pars pro totto dazu benutzt um zu zeigen: „Seht her, wie reaktionär die Kritik an uns ist, wir sind die Guten“ Dass es auch andere Kritik gibt und diese andere Kritik absolut überwiegt, wird vorsichtshalber gar nicht erwähnt, man könnte ja von seinem hohen Sockel herunterkommen müssen.

    Als Beispiel ein Auszug aus dem Text:

    „Verkürzt sieht die Argumentation meist ungefähr so aus: “Antisexismus ist wichtig und notwendig, aber ist der konkrete Vorwurf tatsächlich berechtigt oder eventuell falsch? Das Prinzip der Definitionsmacht geht eindeutig zu weit: Es besteht die Gefahr des Missbrauchs, der Willkür. Eine (nicht weiter definierte) objektive Instanz muss her, der Täter darf nicht stigmatisiert und bestraft werden usw.” „

    In den Diskussionen, die ich mitbekomme geht es mitnichten darum, eine „objektive Instanz“ zu fordern, sondern darum u.U. einen Umgang hinzubekommen, der zwar die Priorität dort setzt, wo es um die betroffene Person geht, aber akzeptiert, dass es mindestens zwei Perspektiven gibt, die beachtet werden müssen, um „transformativ“ im Sinne des „Intimate Violence“– Textes wirken zu können. Der Focus der Kritik liegt schon auf dem konkret-bekloppten Umgang und nicht auf der bloßen Existenz prinzipiell opfersolidarischen Umgehens.

    Noch dicker kommt es gegen Ende dieses Textes, wo implizit behauptet wird, die Thematisierung von sexueller Übergriffigkeit würde in der Szene unter den Tisch gekehrt, um „Seilschaften zur Sicherung des eigenen Lebensstils und -unterhalts“ innerhalb der Szene nicht zu gefährden. Ganz abgesehen davon, dass andere Leute dieselben Strukturen als solidarischen Umgang mit der ökonomischen Scheiße bezeichnen würden, habe ich noch nicht erlebt, dass „differente Ansichten vielleicht zugunsten des guten Kontaktes nicht geäußert [werden]“ um den eigenen „Lifestyle“ abzusichern.

    Schließlich drängt sich die Frage auf, warum die Schreiber_innen dieses Aufsatzes sich überhaupt noch an eine Szene wenden (und sich in ihr bewegen?), die ihnen offensichtlich reaktionärer erscheint als der Rest der Gesellschaft. („Ganz im Gegenteil finden sich gerade innerhalb der “Szene” zunehmend offen anti-feministische, reaktionäre Stimmen, deren Argumente konservativen oder rechtspopulistischen Ideologien entlehnt sind“)

    Der beklagte Zustand, dass „Sexismus erst zum Thema [wird], wenn es um einen konkreten Vorfall geht“, wird sich durch diesen Text jedenfalls definitiv nicht ändern.

  12. 12 onetwo 23. Mai 2010 um 20:12 Uhr

    ich wollte nur schnell etwas zum begriff des kollateralschadens sagen:

    den kann es bei definitionsmacht im engeren sinne gar nicht geben. was als sexualisierte gewalt definiert wird IST sexualisierte gewalt. das ist doch der kern des ganzen spielchens. zu unrecht beschuldigte gibt es also bestenfalls wenn sich leute hinsetzen und etwas komplett aus den fingern saugen – das kommt meiner meinung nach aber sehr selten bis gar nicht vor.

    das ganze macht auch in einem parteilichem kampf um macht sinn: es bringt „frauen“ in einen vorteil gegenüber „männern“. das ist ja eines deiner hauptziele als feministin wenn du das patriarchat als allgegenwärtiges machtverhältnis begreifst. deshalb auch teilweise getrennte organisierung, keine internen diskussionen nach außen kommunizieren, parteiliche intervention für andere frauen.

    das problem mit der gegenmacht ist halt das alte: du kannst sie (in einzelnen szenen) erringen – aber dann hast du sie. und diese gegenmacht ist halt eine totalitäre und willkürliche. das kann den entsprechenden frauen aber gleich sein, die wollen es ja so und kriegen es auch so. geschädigt sind die anderen – wenn du gegen definitionsmacht bist kannst du vielleicht sagen manchmal zu unrecht.

    aber das ist halt die debatte die du dir ohne definitionsmacht geben musst: was ist angemessen, wie könnte es möglichst wenig schädigend gelöst werden, wie schaut es mit verantwortung und schuld aus, ab welchen moment darf mensch sich von den gefühlen anderer abgrenzen, wo schieben leute einen projektiven film, wo steht die konfliktspirale gerade.

    ich glaube menschen und zusammenhänge sollten trotzdem darüber reden was sie wie empfinden. mit den harten definitionsmachtsanhängerInnen wird das nicht klappen, weil die durch ihre parteilichekeit gebunden sind und auch gar nicht mehr sagen können was sexualisierte gewalt ist und was nicht. aber es ist notwendig, auch für einen selbst (als mann und als frau). einfach um sich über sich selbst und andere klarer zu werden. sonst zerreißt unser gemeinsames verständnis und unsere interaktionfähigkeit doch einfach im konflikt.

    klar ist das schwierig. ich glaube auch nicht, dass das in absehbarer zeit passieren wird. die meisten menschen haben ja kein persönliches interesse daran, weil sie nicht direkt betroffen sind und den defma befürworterInnen passt es eh ins konzept. das einzige worüber ich mich noch freuen würde wäre, wenn die eine oder andere unterstützerin selbst wegen sexualisierter, physischer oder psychischer gewalt gekickt würde. also mal sehen wie sie ihre eigene suppe runterkriegen, oder ob da auf einmal andere methoden der konfliktlösung gesucht werden. ich glaube ja nicht, dass sie es akzeptieren würden, das ist ja teilweise bigottes pack, dem es nur um seine eigenen partikularinteressen und den machttrip geht.

  13. 13 Defmakritik 01. August 2010 um 18:02 Uhr

    7 Thesen zur Definitionsmacht:
    defmakritik.blog.de

  1. 1 tee Trackback am 07. August 2007 um 9:45 Uhr
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